Reiselektüre für Bern

– Christian Kracht „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ –

Anheimelndes – was doch so gut zu Bern passen würde – wird man in dem Roman nicht finden. Als Reiselektüre eignet er sich für Lesende, die etwas apokalyptisches Temperament mitbringen. Europa liegt seit 96 Jahren im Krieg, die Welt im Argen – soweit das Setting.

Unser Protagonist erwacht im tief verschneiten „Neu-Bern“.
„Es hat Frost. Minus fünfzehn.“ heißt es dort.
Im realen Bern wird es doch kaum kälter als minus 4 Grad, der Roman setzt also neben der ewigen Schweizer Neutralität auch klimatische Gegebenheiten außer Kraft.
­
Das Buch liest sich angenehm weg. In seiner klaren Sprache, von der Kritik viel gelobt, erschafft Kracht wie in verknappten Szenenanweisungen im Film, eindrückliche Bilder.
„Die Sonne ging auf. Es wurde nicht wärmer.“ – soweit die Grundstimmung.

Der Held ist Parteikommissär der Schweizer Armee und erhält den Auftrag einen gewissen Oberst Brazhinsky festzunehmen. Sein Tag beginnt mit dem Lesen von Depechen im Telegrafenamt: „Der Beamte öffnete die Tür des kleinen eisernen Ofens und legte ein Stück Holz nach. Die Temperatur in der Stube änderte sich nicht.“

Es gibt nur wenige klare Bezüge zu Bern, auf deren Entdeckung sich der Lesende vor Ort begeben könnte.

„Ich lief einige Zeit durch die zerstörten Außenquartiere Neu-Berns, durch Breitenrain und Lorraine, dann linker Hand über den Behelfsponton wieder hoch in Richtung der recht gut erhalten gebliebenen Altstadt. Die Träger der von den Deutschen gesprengten Lorrainbrücke ragten wie graue Gräten aus den eisigen Wassern der Aare. Der Bärengraben war leer, die Faschisten hatten die Tiere vor langer Zeit verhungern lassen.“

Brazhinskys Gemischtwarenhandlung befindet sich in der Münstergasse – also dort, wo man als Berner Altstadtbesichtiger zwangsläufig entlang läuft. Krachts Protagonist spaziert am Fluss entlang, darin treibende Baumstämme erinnern ihn an Kollaborateure, die „unter das träge dahinschwimmende Eis der Aare gesteckt worden waren.“ – soweit die Eskalationsgeschwindigkeit.

Spaziergang an der Aare in Bern

 

Anschließend begibt sich der Held auf eine Reise durch die Schweiz (hier bitte alle Arten von skurrilen Figuren und brutalen Erlebnissen einfügen), um Brazhinsky aufzuspüren. Dieser hält sich im Schweizer Réduit auf. Das reale Réduit sind militärische Verteidigungsanlagen im „Schweizer Format“ – also eher winzig. Kracht realisiert in „Ich werde hier sein…“ den Traum eines jeden Schweizer Militaristen und vergrößert das Réduit einfach auf die gesamten Alpen, die im Roman komplett ausgebaut und untertunnelt sind. Mit dem Buch im Gepäck kann man Krachts Fantasie mit der Realität abgleichen und eines der Réduit Museen besuchen.
(Sidenote von einem mir bekannten Filmfan: Krachts Réduit ist in etwa so größenwahnsinnig wie die Militärbase auf dem Mond in „Iron Sky“ 😉

Am Ende verlässt der Held das Réduit Richtung Süden – dahin, wo die Zitronen blühen und wo auch Goethe das Land fand, welches er der Schweiz eindeutig vorzog. Vielleicht ist also „Ich werde hier sein…“ tatsächlich ein Buch für die Durchreise ins sonnendurchflutete Italien.

Empfohlene Lese-reise-saison: Winter
Lesedauer: 6 Stunden
Zurückbleibendes Gefühl: Frostige Hoffnung

Der Klappentext zitiert die FAZ „Endlich: Der große Schweiz-Roman“ – Was denkt ihr, hat der Verlag zu viel versprochen? Und was ist Euer Schweiz-Roman oder Eure Leseempfehlung für Bern?

Share

About Siri

Bei Wortlog dreht sich alles um Literatur und Reisen. Literaturjunkies finden Sightseeing-Tipps und Reisejunkies finden literarische Reisebegleiter (= Bücher). Denn: Egal, wohin Du fährst, ein Schriftsteller war schon vor Dir da.

You May Also Like

One comment

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *