Kein Schrecken ohne Ende – Mit Baudelaire in Brüssel

„Eine lachhafte Hauptstadt. Eine groteske Hauptstadt.
Hauptstadt der Affen. Hauptstadt von Affen.“

Charles Baudelaire war ein großer Brüssel-Fan, als er in den 1860er Jahren, kurz vor seinem tragischen Lebensende, zwei Jahre dort verbrachte. Habe ich „ein“ geschrieben? Es muss „kein“ heißen. Tatsächlich fand er die Stadt und seinen Aufenthalt sogar überaus grauenvoll. Eine Ausstellung im Stadtmuseum Brüssel widmet sich dieser unerquicklichen Begegnung zwischen Schriftsteller und Schreckensstadt.

Baudelaire <> Brüssel

Nun ist Baudelaire wahrlich kein Mann für Begeisterungsstürme, aber sein Urteil über Belgien, Brüssel und dessen Bewohner fällt absolut garstig und unversöhnlich aus. Ich kann vor dem Kulturamt der Stadt nur den Hut ziehen: Respekt für so viel Humor und Selbstironie. Immerhin befindet sich die Ausstellung, die so viel Häme über die Stadt ausschüttet, im Stadtmuseum (Musée de la Ville de Bruxelles, Museum van de Stad Brussel) auf dem Grand-Place. Der Platz ist eine der Hauptattraktionen Brüssels und somit kommen Touristen kaum umhin, die schwarz-gelben Ausstellungsplakate mit Baudelaires Beleidigungen zu sehen.

„Sollte ich Gott dafür danken, als Franzose geboren zu sein, nicht als Belgier.“

Baudelaire kommt 1864 nach Brüssel, wo er als Kunstkritiker eine Handvoll Vorträge im Maison du roi (das Gebäude des heutigen Stadtmuseums) halten soll. Diese sind schlecht besucht und finden keine öffentliche Resonanz. Niemand interessiert sich recht für den Neuankömmling aus Paris und seine 1857 veröffentlichten „Blumen des Bösen“ sind so gut wie unbekannt. Genau wie die Franzosen, zollen die Belgier Baudelaire nicht den Respekt und die Bewunderung, von denen er überzeugt ist, sie zu verdienen. Finanziell geht es ihm sehr schlecht, er macht überall Schulden. Obwohl er erst 45 Jahre alt ist, verschlechtert sich sein Gesundheitszustand zusehends und führt schließlich zum Tod. Sein Frust überträgt sich auf seine Wahrnehmung der Stadt, die er in dem Text „Pauvre Belgique“ (Armes Belgien) ungeschönt zum Ausdruck bringt.
Pascal Pia schreibt in seiner Biographie Baudelaires sogar: „Es schien uns angebracht, die allerletzten Texte Baudelaires nicht heranzuziehen. Seine Krankheit hat ihm offenbar nicht erlaubt, seine Worte genau abzuwägen.“ – Ein hübscher Euphemismus dafür, dass Baudelaire nicht mehr viel Positives zu sagen hatte. Was wiederum ein Euphemismus dafür ist, dass er nur noch Gemeinheiten zu pöbeln hatte.

„Alle Belgier, ohne Ausnahme, haben einen leeren Schädel.“

Die Ausstellung in den historischen Sälen des Stadthauses ist inhaltlich wunderbar aufbereitet und sehr schön gestaltet. Statt einer Broschüre hat man A5-Umschläge mit acht Ausstellungsbildern und umseitig einem Erklärungstext zusammengestellt. (J’ai vu à Bruxelles des choses extraordinaires / I have seen extraordinary things in Brussels / Ich habe in Brüssel unglaubliche Dinge gesehen). Es ist die schönste kostenlose Beigabe, die ich je bei einem Museumsbesuch bekommen habe.

Baudelaire Brüssel Ausstellung Broschüre

Brüssel Baudelaire Ausstellung Wand 1

In der Ausstellung selbst werden die meist kurzen Zitate Baudelaires in 3 Sprachen angeboten (Frz., Ndl. und Engl.) und direkt zu passenden Ausstellungsstücken gesellt.

Als Besucher kann man sich einen sehr guten Eindruck vom Brüssel vor 160 Jahren machen und bekommt immer Baudelaires zynischen Kommentar mitgeliefert. Zum Beispiel über die Senne, den damals noch freiliegenden Fluss Brüssels, der gleichzeitig Trinkwasserlieferant, Waschmaschine und Abwassersystem war und heftig gestunken hat. Gleichzeitig hatten die Brüsseler in Baudelaires Augen einen Putzwahn, der sich im omnipräsenten Gestank nach Glyzerinseife ausdrückte. Aber besser nach Seife müffeln, als wie Paris nach Kohl oder Kapstadt nach Hammel – so lautet zumindest Baudelaires Geruchsurteil. An anderer Stelle heißt es: Hunde würden in Brüssel genauso wenig gestreichelt wie Frauen. Es sei unmöglich, sie zum Spielen zu bewegen. Sie seien darüber ebenso überrascht, wie eine Prostituierte, die man als Mademoiselle bezeichnet. So tönt Baudelaire.

„Schlendern, ein solches Vergnügen für Leute, die mit Vorstellungskraft beschenkt sind. Eine Unmöglichkeit in Brüssel. Es gibt nichts zu sehen und die Wege sind unmöglich.“

 

Brüssel Stadtmuseum Baudelaire Ausstellung 1

Grand-Place Brüssel Baudelaire

 

Nur wenige Dinge finden Baudelaires (uneingeschränkte aber eigensinnige) Zustimmung. In der Stadt gefallen ihm die Häuser  auf dem Grand-Place und einige Kirchen und ihre Ausstattung, aber auch hier urteilt Baudelaire mit scharfer Zunge und Ironie: „Generelle Anmutung von Kirchen. Manchmal authentischer Reichtum, manchmal Plunder. Genau wie die Häuser auf dem Grand-Place, die wie merkwürdige Möbel daherkommen, erscheinen die Kirchen wie Kuriositätengeschäfte. Aber das ist nicht unangenehm. Kindliche Ehrungen des Herrn.“ (meine Übersetzung)

 

 

Außerdem schätzt er seine Begegnung mit dem belgischen Maler Félicien Rops, der in seiner Exzentrik sehr gut zu Baudelaire passt. Beide hatten einen Faible für Skelette, Frauen und den Tod – ihre künstlerischen Welten überschnitten sich.

Ausschnitt aus einer Zeichnung von Félicien Rops, neben einem Zitat von Baudelaire: Die Liebe glänzt durch ihre Abwesenheit. Was man hier Liebe nennt, ist eine reine animalische Gymnastik, die ich Ihnen nicht beschreiben muss. (meine Übersetzung)
Ausschnitt aus einer Zeichnung von Félicien Rops, neben einem Zitat von Baudelaire: „Die Liebe glänzt durch ihre Abwesenheit. Was man hier Liebe nennt, ist eine rein tierische Gymnastik, die ich Ihnen nicht beschreiben muss.“ (meine Übersetzung)

 

Ausstellung und Stadtrundgang

Wer die Ausstellung besucht, kann außerdem für 3 Euro einen kleinen, etwa einstündigen Stadtrundgang auf den Spuren Baudelaires hinzubuchen. Dieser führt zum Beispiel in die Galerie Saint-Hubert in der Nähe seines damaligen Hotels, wo Baudelaire als Fitnessübung täglich 2000 Schritte auf und ab gegangen sein soll. Ansonsten gibt es jedoch wenige originale Schauplätze, da die Stadt sich baulich sehr stark verändert hat.

Auf nach Brüssel! Die Ausstellung endet am 11. März 2018

Die letzte Photographie von Baudelaire, aufgenommen 1965 von Étienne Carjat, ausgestellt im Maison du roi in Brüssel.
Die letzte Photographie von Baudelaire, aufgenommen 1965 von Étienne Carjat, ausgestellt im Maison du roi in Brüssel.

Kleine Randnotiz des Schicksals: Nach knapp zwei Jahren in Brüssel erleidet Baudelaire eine Art Schlaganfall in dessen Folge er halbseitig gelähmt ist und weder sprechen noch schreiben kann. Von der Brüsseler Heilanstalt Saint-Jean et Sainte-Elisabeth verbringt ihn seine Mutter schließlich nach Paris, wo er seinem Leiden wenig später erliegt. Es heißt, sein letztes, immer wieder herausgestoßenes Wort, zugleich Fluch und Gebet, sei das in Belgien gebrauchte „Crénom, crénom“ gewesen. (Zusammenziehung von „Sacré Nom de Dieu“ – heiliger Name Gottes, gebracht wie „verdammt“) Am Ende haben ihm die Belgier also doch noch etwas mitgegeben.

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