Italiensehnsucht mit Antal Szerb

– Reiseliteratur für Italien: Antal Szerb „Reise im Mondlicht“ –

Lest es, wenn ihr Italien bereist. Lest es, wenn ihr sehnsüchtig seid. Nach Italien. Oder der Liebe. Oder nach euch selbst.

Das frisch vermählte ungarische Ehepaar Erzsi und Mihály erreicht Venedig. Mihály ist ganz eingenommen von der „Venedighaftigkeit Venedigs“ und der „rostrot-rosa Heiterkeit der Stadt.“ Es sind diese kleinen Beschreibungen, die den Roman so sehr als Reiselektüre empfehlen. (Übrigens durchaus auch als Sehnsuchtsreise von der heimischen Couch aus.)
Die Hochzeitsreise geht weiter über Ravenna, (Rückblick auf Mihálys Kindheit in Budapest) und Florenz, doch auf der Zugfahrt nach Rom werden die beiden getrennt… und spoiler alert… finden auch nicht mehr zusammen.

Platz Campo San Vio in Venedig, Mann verschmilzt farblich mit den Fassaden auf der anderen Seite des KanalsDetailaufnahme eines Fensters mit Fensterläden in Venedig, rostrote Fassade  Palast in Venedig spiegelt sich im Kanal

Demnach eignet sich der Roman besonders als Lektüre für eine Italienreise mit mehreren Stationen, zum Beispiel auf Mihálys Spuren von Venedig, Ravenna, Florenz nach Rom. Gerade bei den ersten Stationen hat man das Gefühl, dieses Pärchen am Anfang der Jahrhundertwende als Reisebegleitung zu haben. Mit ihnen beim Abendessen zu sitzen, während man die Eindrücke des Tages Revue passieren lässt.

„Fürcherterlich, dieser Geruch“, sagte Erzsi. „Wo auch immer man hingeht in dieser Stadt, riecht man ihn. Ich stelle mir einen Gasangriff vor.“
„Kein Wunder“, sagte Mihály. „Die Stadt hat einen Leichengeruch. Ravenna ist ein dekadenter Ort, der seit mehr als tausend Jahren verkommt. Der Baedeker sagt das auch. Die Stadt hatte drei Glanzzeiten, die letzte war im achten Jahrhundert nach Christus.“
„Ach was, du Trottel“, sagte Erzsi lächelnd. „Du denkst immer gleich an Tod und Verwesung. Dieser Gestank kommt doch gerade vom Leben, vom Wohlstand: von einer Kunstdüngerfabrik, von der ganz Ravenna lebt.“
„Ravenna lebt vom Kunstdünger? Die Stadt, in der Theoderich der Große und Dante begraben sind, die Stadt, neben der Venedig ein Parvenu ist?“
„Jawohl, mein Lieber.“
„Was für eine Schweinerei.“

Während Milhály seine rastlose, suchende Reise in Italien fortsetzt, verschlägt es Erzsi nach Paris. Zwei Spuren, denen man als Leser gerne folgt, auch wenn man am Ende etwas unbefriedigt zurückbleibt. Oder wie der große ungarische Schriftsteller Péter Esterházy über das Buch schreibt: „Was fangen wir jetzt mit unserer Unruhe an, mit der leidenschaftlichen Unruhe, die sich einmal Liebe nennt, einmal Unbehagen?

Im Nachwort schreibt Esterázy außerdem: „Das ist die Art Roman, wo jeder seinen Lieblingssatz hat.“ und „Es wird viel geliebt hier, die einen sind in die Menschheit verliebt, die anderen in sich selbst, oder ins Sein, oder in die Wissenschaft. Und natürlich ins Leben. In die Liebe, in den Tod, in den Geist, in den Wahn, in die Vergangenheit, in die Zivilisation. Ein großer Liebesroman.“
Ich kann es nicht besser zusammenfassen.

Buchcover Antal Szerb Reise im Mondlicht vor Thymiantopf
Antal Szerb: Reise im Mondlicht, dtv, 2003, Originalausgabe 1937

Beste Reise-Lese-Zeit: Herbst
Verbleibend: Melancholie
Abstecher nach: Ungarn

Wie hat Euch das Buch gefallen? Was ist Euer großer Italienroman? Ich freue mich über Eure Kommentare.

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