Ein Mal rund um die Insel: Rügen mit Elisabeth von Arnim

– Reiseliteratur für Rügen –

Eine Insel lädt naturgemäß dazu ein, sie zu umrunden. Diese Idee hatte auch die Schriftstellerin Elisabeth von Arnim vor gut 115 Jahren. „Die Reise nach Rügen, quer durch Rügen und um Rügen herum ist im Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg schon in Art und Aufwand ein Zeitkuriosum. […] Die Unternehmung ist ein wenig kühn für die gesellschaftlichen Usancen Preußisch-Pommerns, und zugleich doch wohlbehütet.“ schreibt Kyra Stromberg im Nachwort1 zum zuerst 1904 erschienenen Reiseroman „The adventures of Elisabeth in Rügen.“

Strand, Meer an der Ostsee, Nähe Binz
Ostsee-Strand in Prora mit Blickrichtung Binz

Eigentlich wollte Elisabeth wandern, da es „die vollkommenste Art der Fortbewegung [ist], wenn man das wahre Leben entdecken will. Es ist der Weg in die Freiheit.“ Doch keine ihrer Freundinnen konnte sich zu solch einer anstrengenden Albernheit durchringen und Elisabeth selbst hatte leider Angst vor Landstreichern und ein Alleingang hätte sich auch eh nicht geziemt. Also macht sie sich samt Hausmädchen Gertrud und Kutscher Alfred mit der Kutsche auf den Weg.

Schon die Überfahrt von Stahlbrode nach Rügen mit dem Boot gestaltet sich denkbar abenteuerlich. Und der Leser ist eingestimmt, wenn Elisabeth vermerkt: „Wir waren andere Touristen.“
So scheint es, dass bereits mit dem Beginn des Badetourismus um 1900 bestimmte Reisekonstanten ihren Anfang nahmen. Zum Beispiel, dass man Tourist ist, aber eben nicht wie der Tourist nebenan, der ebenfalls in seinen Sandalen steht und schwitzt während er unappetitlich versucht appetitlich ein Fischbrötchen zu essen. So lästert Elisabeth, dass egal wo sie hinkommt, DIE TOURISTEN sitzen und essen und glotzen.

Binz 1900Man muss sich vor Augen führen, dass die großen Strandbäder auf Rügen zu Elisabeth von Arnims Zeit gerade erst im Entstehen waren und so findet man im Roman wenige Anmerkungen zur heute so bewunderten Bäderarchitektur oder zu Bauwerken. Elisabeth sucht die damals noch unberührtere Natur und die Landschaftsbeschreibungen sind die charmantesten Momente in ihrem Reiseroman. Ihre Begegnungen mit Menschen sind häufig ironisch überspitzt und lockern die Lektüre auf.

 

Unbedingt mit dem Buch in der Hand entdecken: Putbus und das Jagdschloss Granitz

 

Zu meinen Highlights des Buches zählen die Durchfahrt durch Putbus, der weißen Stadt, die sich heute noch wie vor 115 Jahren beschreiben ließe:

„So nahm ich doch die wunderliche und altmodische Anmut von Putbus wahr. … An dieser Straße liegen auf der einen Seite Parkanlagen des Fürsten Putbus, auf der anderen verschieden hohe, altmodische Häuser, alle weiß und alle reizend. In den Anlagen, die gepflegt und schattig sind, führen saubere Wege in stille Winkel ohne jeden Zaun oder sonstige Hindernisse, die ein schüchterner Tourist überwinden müsste; jeder Badegast darf darin wandeln, ohne durch Tore und Torhäuser Scherereien zu haben.“

Und auch heute noch kann man mit Elisabeths Worten resümieren: „Sonst ist es die schläfrigste kleine Stadt. Ungestört wächst Gras zwischen den Pflastersteinen.“ Putbus ist dennoch allemal sehenswert, gerade weil eine Zeitreise dort ohne viel Aufwand möglich ist. Ein Besuch in der Orangerie und der dortigen Keramikwerkstatt kann ich ebenfalls empfehlen.

Steile Wendeltreppe im Turm des Jagdschloss Granitz auf der Insel Rügen
Freitragende Wendeltreppe mit 154 Stufen im Turm des Jadgdschloss Granitz

Auch Elisabeths zufälliger Besuch des Jagdschlosses Granitz, mittlerweile das meistbesuchte Schloss Mecklenburg-Vorpommerns, ist unterhaltsam erzählt. Die berühmte Treppe, die sich im Turm nach oben schraubt, sorgte damals nur für blankes Entsetzen, während sich heutige Besucher selten die sensationelle Aussicht entgehen lassen. Interessanterweise ist das Jagdschloss heute, nach einer wechselvollen Geschichte und weitgehenden Zerstörung der Innenräume wieder ganz ähnlich dem Zustand, wie Elisabeth ihn damals vorgefunden haben mag.

Das Buch endet mit einem Abstecher auf die Insel Hiddensee und dem Versuch die scheinbar gescheiterte Ehe ihrer feministischen Cousine zu retten (Ja, wer mehr wissen will, muss das Buch lesen ;-)) und dabei ein damals noch vollkommen vom Tourismus ignoriertes Kleinod vorzufinden.

Elisabeth von Arnim (1866-1941) ist gebürtige Neuseeländerin und heiratete den preußischen Grafen von Arnim. Die Cousine von Katherine Mansfield gehörte zu den meistgelesenen Autorinnen ihrer Zeit in Deutschland. Ihre starke Persönlichkeit und abwechslungsreiche Biographie bereichern ihre zumeist autobiographisch geprägten Romane.

Reiseroman Elisabeth von Arnim mit dem Titel Elisabeth auf Rügen am Strand von Binz mit Muscheln„Elisabeth auf Rügen“ ist überaus leichte Kost, etwa so anspruchsvoll wie der Strandroman, den man sich kurz vor Abfahrt am Bahnhof kaufen könnte. Ich würde es jedoch jederzeit jeder Bahnhofsschmonzette vorziehen. Auch online im englischen Original ist es in mehreren Versionen verfügbar.

Empfohlene Reiselesezeit: April bis September
Lesestimmung: schmöckrig
Reisehabitus: slow travel

Rügen Postkarte 020
Der Strand von Binz wie ihn Elisabeth von Arnim um 1900 gesehen haben mag.

1. „Elisabeth auf Rügen“, übersetzt von Anna Marie von Welck, List Taschenbuch, 2003

Share

About Siri

Bei Wortlog dreht sich alles um Literatur und Reisen. Literaturjunkies finden Sightseeing-Tipps und Reisejunkies finden literarische Reisebegleiter (= Bücher). Denn: Egal, wohin Du fährst, ein Schriftsteller war schon vor Dir da.

You May Also Like

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *