Mit Elena Ferrantes „Meine geniale Freundin“ nach Neapel

– Die neapolitanische Saga als ideale Reiselektüre für Neapel? Von mir ein klares „geht so“

Zum Glück muss ich hier nicht klären, ob es sich bei den vier Bänden um große Literatur handelt. Gottogott, was hat mich das beschäftigt (#tendiereaberzuja). Ich kann beim Wortlog-Thema bleiben und die Frage erörtern, ob die Romane eine Reise nach Neapel bereichern. Ein unentschlossenes „irgendwie schon“, aber anders als man zunächst denkt. Lass mich ausholen.

Zunächst ist die Frage zu klären: Was erhofft man sich überhaupt von einem Reiseroman?

  1. Soll er den Urlaubsort in schillernden, instagramnen Farben schildern?
  2. Soll er historische oder anders geartete Einblicke in die Kultur und das Leben vor Ort ermöglichen?
  3. Soll er eine Geschichte erzählen, die einen noch weiter aus dem Alltagsleben entfernt, als die angetretene Reise?

Ferrante bekommt hierbei ein Häkchen bei Frage 2 und 3.

Unerträgliches Neapel damals wie heute?

Wer sich etwas Pittoreskes erhofft, der ist nicht nur in diesem Roman falsch, sondern auch in Neapel. Dantes großes Zitat aus der göttlichen Komödie zum Eintritt in die Hölle „Lasst jede Hoffnung hinter euch, die, die ihr hier eintretet.“ – würde ich vorbehaltlos auf Neapel anwenden. Die Stadt ist unsagbar laut, unübersichtlich und abweisend.

Heruntergekommene Fassaden in Neapels Altstadt
© Gaëtan Schwab

Wir begegnen unseren Ferrante-Heldinnen zum ersten Mal im Jahre 1950 – wir müssen uns also das Neapel von heute mit viel weniger Autos und Graffitis vorstellen. Apropos vorstellen: Kann man überhaupt die Schauplätze des Buches aufsuchen? Einige Orte werden direkt benannt, entsprechen namentlich bestimmten Orten der realen Stadt Neapel, andere, wie das zentrale Wohnviertel der beiden Heldinnen, ist nicht direkt auszumachen. Viele Leser und auch Wissenschaftler haben versucht, die Schauplätze der Romane zu entschlüsseln, aber genauso geheimnisvoll die Anonymität der Autorin (Elena Ferrante ist ein Pseudonym und man weiß nicht, wer die Autorin/der Autor ist), so geheimnisvoll verschleiert sind auch die Orte im Buch.

Dazu gibt es eine interessante Anekdote: Elena Ferrante wollte anläßlich eines Interviews mit ihren Verlegern das Quartier von Lila und Lenù aufsuchen, entscheidet sich aber kurzfristig dagegen und äußert sich später dazu:

«Die Orte der Fantasie besucht man in den Büchern, in der Realität sind sie oft nicht wiederzuerkennen, als seien sie erfunden worden; man ist meist enttäuscht.»

So groß auch die Lust ist, ein paar Seiten des Romans in dem Viertel zu lesen, das Ferrante als Vorbild diente, die Stradone, die Hauptstraße des geschilderten Viertels, entlang zu laufen, ein Mal in einen der Hinterhöfe zu schauen, in denen die Mädchen ihre Freundschaft besiegelten – es ist nicht möglich: Das Neapel im Roman ist ein literarisches Neapel.

Karte mit fast allen Orten aus Ferrantes „Meine geniale Freundin“

Wer dennoch nicht widerstehen kann und gerne eine eigene Spurensuche unternehmen will, für den habe ich eine Karte mit vielen Orten aus „Meine geniale Freundin“ erstellt –

  • Orte, die direkt genannt werden, zum Beispiel bei Lenùs Tagesausflug mit ihrem Vater durch die Stadt: „He took me along Corso Garibaldi, to the building that would be my school. … He showed me Piazza Carlo III, the Albergo die Poveri, the botanical garden, Via Foria, the museum.“ (blauer Fußweg)
  • Orte aus dem Roman, die nicht genau benannt sind und erst von Lesern und Journalisten bestimmten Plätzen in Neapel zugewiesen wurden, wie zum Beispiel das Quartier des Romans, welches man als Rione Luzzatti identifiziert haben will. Weitere Informationen und Zitate aus dem Roman finden sich in den jeweiligen Ortsbeschreibungen.

Am besten in Mußestunden – deswegen ist die „Neapel-Saga“ eine ideale Reiselektüre

Es gibt aber einen anderen Grund, warum man Ferrante auf Reisen lesen sollte. Und ich gebe zu, vor Ort in Neapel hat dies noch mal einen besonderen Reiz. Zwei Aspekte werden an den Romanen am stärksten kritisiert, zum einen bezeichnet man sie abwertend als Chick-Lit (#leichtekostnurfuerfrauen), zum anderen sind Leser von der detailreichen, minutiösen Schilderung der Entstehung dieser Frauenfreundschaft genervt. Die Genauigkeit der Beobachtung und das Kleinteilige der Schilderung, auch oder vor allem emotionaler Entwicklungen, sind in meinen Augen aber die Stärke dieser Romane. Und wo, wenn nicht im Urlaub, hat man Muse und den sensibilisierten Blick, um die Umgebung mit geschärftem Auge wahrzunehmen und somit auch in die Feinheiten von „Meine geniale Freundin“ abzutauchen?!
Vielen Lesern gelingt das, sie identifizieren sich mit den beiden Heldinnen und sind wie Denis Scheck „hingerissen von diesem erzählerischen Sog.“

Neapel, Napoli, Altstadt, spanisches Viertel, Blick nach oben, die Häuserwand hoch, Wäscheleine mit Schuhen wie man es in Ferrantes Neapel Viertel finden könnte

„Diese Romane sind für mich wirklich Urlaub im Kopf.“

erzählt Denis Scheck in SWR lesenswert der Ferrante-Übersetzerin Karin Krieger.

Wenn meine Reisebegleitung mir beim Lesen über die Schulter schaute und ein paar Zeilen las, hörte ich jedes Mal: „Oh mein Gott, du liest einen Teenager-Roman,“ angemerkt angesichts der diversen Jungsnamen und stets zu erforschenden Gefühle. Und es stimmt ja, wir begleiten Lenù und Lila seit ihren Kindertagen und verfolgen ihre Freundschaft, bis sie am Ende des 1. Bandes sechzehn Jahre alt sind. Entsprechend ihre Themen, entsprechend ihre Sorgen. Jetzt, in der Mitte des zweiten Teils, die Mädchen sind süße siebzehn, spitzt sich besonders das Jungsthema nochmals zu und ich gebe zu, manchmal gehen mir die Teenagergedankengedanken auf die Nerven. Aber welches Versprechen, welche Hoffnung, mit den Freundinnen älter zu werden und mit den verbleibenden beiden Bänden noch 40 Jahre mehr mit ihnen zu erleben. Wird sich mit dem Alter auch der Ton der Erzählung ändern, die Sicht auf die Welt? Ich bin gespannt und Neapel gerät dabei ganz stark in den Hintergrund.

Wie habt ihr die Ferrante-Welterfolge erlebt? Nehmen sie einen bevorzugten Platz in eurer Lesebiographie ein? Was sagt ihr: ein Neapel-Roman oder nicht wirklich ein Neapel-Roman? Ich freue mich auf eure Kommentare.

Beste Reise-Lese-Zeit: Frühjahr und Sommer
Verbleibendes Gefühl: erschöpfte Verliebtheit
Aussichten: 1500 weitere Seiten in Band 2-4
Abstecher: Sommer auf Ischia

Buchcover von Elena Ferrante "Meine geniale Freundin" in Neapels Altstadt aufgenommen, Schulmädchen im Hintergrund, Häuserwand mit Graffitis

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About Siri

Bei Wortlog dreht sich alles um Literatur und Reisen. Literaturjunkies finden Sightseeing-Tipps und Reisejunkies finden literarische Reisebegleiter (= Bücher). Denn: Egal, wohin Du fährst, ein Schriftsteller war schon vor Dir da.

3 comments on “Mit Elena Ferrantes „Meine geniale Freundin“ nach Neapel

  1. ‚Erschöpfte Verliebtheit – genau!

  2. Interessanter Versuch, die Wirklichkeit aufzuspüren. Aber genauso, wie die Autorin sich hinter einem Pseudonym versteckt, genauso hat sie die Schauplätze versteckt. Oder, genauer gesagt: man weiß inzwischen ja, wer Ferrante wirklich ist, und – wer Neapel kennt – erkennt auch die Schauplätze der Geschichte wieder. Ich denke, die Autorin hat das Recht, sich zu verstecken (erstens, weil sie sehr Privates erzählt, und zweitens, weil es immerhin auch um die Mafia geht, und wer die Camorra ins Spiel bringt, macht das besser anonym). Sie hat auch das Recht, ihr Neapel literarisch zu verbrämen, auseinander zu nehmen und neu zusammen zu stecken. Ich selbst lebe in Italien, und immer, wenn ich nach Neapel komme, habe ich das Gefühl: es könnte so schön sein – die Stadt am Meer, der malerische Vesuv, die historischen Gebäude, das Klima … aber dann auch: Lärm, Schmutz, verfallene Häuser, in denen meist arbeitslose Menschen menschenunwürdig leben müssen … und immer schön die Tasche festhalten, damit der vorbeifahrende Vespafahrer sie dir nicht entreißt … Aber genau das fand ich so interessant an Ferrantes Romanen: sie beschreibt uns die Misere erst aus den Augen des Kindes, das dort aufwächst, und dann aus den Augen der erwachsenen Frau, die die Stadt verlässt. Und man beginnt zu verstehen, warum Neapel so ist, wie es ist. Da in Italien schon lange alle 4 Bände erschienen sind, und ich sie alle gelesen habe, kann ich zusammenfassend sagen: man hätte die Geschichte auch komprimiert in einem Band erzählen können, aber dann wäre der „Miterlebe-Effekt“ weggefallen – und das wäre schade.

    • Liebe Edda, danke für deinen ausführlichen Kommentar. Ich stimme ganz mit Dir überein, dass das Verstecken der Autorin ähnlich dem literarischen Verstecken der Stadt Neapel ist. Ich denke auch, dass Neapel alles hat, um eine wunderbare Stadt zu sein. Es hatte auch fast 2000 Jahre lang diesen Ruf und wurde von so vielen Literaten beschrieben und geliebt. Ich lese gerade den dritten Teil zu Ende und nachdem der zweite Teil fast ausschließlich auf Ischia gespielt hat, rückt Neapel hier nochmal mehr in den Vordergrund. Für mich bleibt der erste Band der Stärkste, genau wegen dieses Miterlebe-Effekts, den Du beschreibst. Ich bin aber noch genauso gespannt auf den vierten Band.

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