„Die Hauptstadt“ Europas – Brüssel mit Robert Menasse

Wir sind in Köln. Der Zug nach Brüssel ist abfahrbereit. Im Gepäck haben wir Robert Menasses „Die Hauptstadt.“ Wichtig ist jetzt, das Buch auf der Fahrt NICHT zu lesen.

Denn wenn man Deutschland in Richtung Belgien verlässt, beginnt der Urlaub bereits im Zug. Die Durchsagen tönen plötzlich VIERsprachrig, deutsch, französisch, niederländisch und englisch. Und dieser Sprachenmix zieht sich auch durch die Passagiere, die sich auf dieser Strecke besonders häufig über Berufliches unterhalten. Kollegen planen das nächste große Geschäft, flippen ein letztes Mal durch die Slides der Präsentation, die sie in Brüssel halten werden oder bereden etwas anderes Gewichtigwichtiges. Ich habe schon viel im Vorbeihören gelernt, über die Musikbranche oder auch erneuerbare Energien, man muss die Ohren nur offen halten.

Auf der letzten Fahrt telefonierte ein älterer Politiker mit der Stimme eines jungen Berliners offensichtlich mit seiner Assistentin. Er war nur „schnell rein und raus aus Brüssel,“ um einen Termin mit einer Ministerin der Europäischen Kommission wahrzunehmen. Er besprach mit seiner Assistentin, wie man diverse Mitarbeiter „freisetzen“ könne. Er nutzte noch einige weitere miefige Euphemismen für Kündigungen, die ich hier wiederholen könnte, wozu ich aber keine Lust habe.

Robert Menasse feiert die „babylonische Sprachenvielfalt“ der europäischen Hauptstadt zum Beispiel in den übertrieben verspielten Namen seiner Protagonisten. Hier trifft David de Vriend auf Fenia Xenopoulou und Ryszard Mateusz Oswiecki oder Bohumil Szmekal auf Kurt van der Koot sowie Gouda Mustafa auf ein Schwein. Oder sie treffen sich eben nicht, da im Roman Ausschnitte aus verschiedenen Biographien erzählt werden, die sich in einigen Fällen nur im weitesten Sinne „berühren.“ Alles beginnt mit einem Schwein, welches über den Place Sainte-Catherine in Brüssel hetzt und von verschiedenen Protagonisten des Romans gesichtet wird.

Wer mit dem Roman nach Brüssel reisen will, der kann auf Place Sainte-Catherine seinen Stadtspaziergang beginnen und wird schnell entdecken, dass in diesem Fall Realität und Literatur einander entsprechen. Genau wie im Roman beschrieben, kann man aus den Fenstern des griechischen Restaurants Menelas auf den Eingang des Hotel Atlas schauen. Passiert man die Kirche des Platzes links, erreicht man den sehenswerten, weil in meinen Augen typisch belgischen Quai aux Briques. Der aufmerksame Menasse-Leser kann sich hier ein Schmunzeln entlocken lassen oder über Inspiration reflektieren, wenn er das Restaurant „Au cochon d’or“ (zum goldenen Schwein) entdeckt.

Schweine überall… vorallem als Metapher

Was ist das für eine Geschichte mit den Schweinen in diesem Roman? Sie begegnen uns wiederholt und in allen Variationen, sei es als lebendiges Schwein, das durch Brüssel geistert, als Dekorationselement oder in der europäischen Schweineproduktion. Menasse erklärt die Schweine-Metapher selbst – Nicht, dass Leser oder Literaturwissenschaftler sich irgendwelchen Quatsch ausdenken.
Er schreibt, das Schwein sei eine „universelle Metapher“, es muss als Sinnbild herhalten und ist „das einzige Tier, das als Metapher die ganze Breite menschlicher Empfindungen und ideologischer Weltbilder“ abdeckt, vom Glücksschwein bis zur Drecksau, von Schwein haben bis Schwein sein.“
Hätten wir das auch geklärt.

Ein Großteil des Romans dreht sich um die Europäische Union und Mitarbeiter der Europäischen Kommission. So lässt sich „Die Hauptstadt“ als politischer Text lesen, als Kommentar zum heutigen Europa, der den Leser herausfordert auch seine eigene europäische vs. nationale Identität zu hinterfragen. Oder eben nicht.

Genießt man Brüssel, kann man diesen geschäftigen Hauptstadt-Europas-Teil aber geflissentlich links liegen lassen, oder rechts, je nachdem, wo man steht. Die Stadt ist in den meisten Ecken keine wuselnde Geschäftsstadt, eher ein Waffelstand in einer Provinzstadt. (Nett gemeint.)

Buchpreis oder gutes Buch Preis?

„Die Hauptstadt“ hat den Deutschen Buchpreis 2017 erhalten. Also wird das schöne, schlicht gestaltete Hardcover des Suhrkamp Verlags unter einigen Weihnachtsbäumen mehr landen. Wer der ideale Beschenkte/Leser ist? Ich wage es nicht zu sagen. Ich habe mich durch die 450 Seiten eher hindurchgelangweilt. Keiner der einzelnen Protagonisten und deren Geschichte hat mein Interesse wirklich wecken können. In erster Linie, weil die Figuren zu oberflächlich gezeichnet sind. Die meisten Protagonisten sind männlich, in den mittleren Jahren oder älter und leiden an irgendeinem Gebrechen. Als Leser muss man sie bei Unfällen, Krankenhausaufenthalten, im Altersheim oder auf Friedhöfe begleiten. Die einzige relevante weibliche Protagonistin ist Karrieristin, will „gerettet werden“ und zählt Kalorien. Ich würde eingestehen, dass der Roman und Brüssel eine Sache gemeinsam haben: sie kommen beide ohne große Höhepunkte und Attraktionen aus. Vielleicht kann die Fortsetzung, die im Roman angekündigt wird, einige dieser Schwachpunkte ausgleichen, ich persönlich werde es aber nicht überprüfen.

Zwei freundliche Gedanken zum Abschluss:
Ein Touristenmagnet in Brüssel ist der Grand Place, der im Roman mit folgenden Zeilen bedacht wird:

Grand Place Brussel Nacht Lichter

Er glotzte. Wie ein Tourist. Wie schön! Wie schön dieser Platz war! Er war nicht beglückt, er empfand eine besorgniserregende Wehmut, ein Gefühl der Trauer. Im Jahr Neunzehnhundertvierzehn, hatte sein Großvater erzählt, sei Brüssel die schönste und reichste Stadt der Welt gewesen – dann sind sie dreimal gekommen, zweimal mit Stiefeln und Gewehren, dann mit Turnschuhen und Fotoapparaten.

Eine kleine persönliche Empfehlung von mir: Die Buchhandlung Passa Porta, Rue Antoine Dansaertstraat 46, nur wenige Meter vom Place Sainte-Catherine entfernt. Unabhängige, stylische Buchhandlung mit englischsprachigem Teil, der sehr gut sortiert ist. Das „International House of Literature“ veranstaltet nicht nur ein eigenes Literaturfestival sondern lädt auch regelmäßig interessante Autoren ein.

Passa Porta Bookstore Brüssel Eingang

Menasse Hauptstadt Cover Place Sainte Catherine Brüssel

Robert Menasse „Die Hauptstadt“
Suhrkamp Verlag 2017
Buchtrailer und weitere Pressestimmen und Informationen zum Buch auf
Suhrkamp.de

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