Andrea Camilleri – Krimis für eine Reise nach Sizilien

– „Die Form des Wassers – Commissario Montalbano löst seinen ersten Fall“ –

Ich will mit offenen Karten spielen, normalerweise lese ich keine Krimis. Warum? Zu langweilig.
Damit hätte ich das Wichtigste gesagt.

Warum ich dann ausgerechnet einen Camilleri zwei Wochen durch Italien schleppte, bis wir endlich in Sizilien angekommen waren? Dummer Zufall! Ein britischer Freund und Sizilienliebhaber hatte mir den sizilianischen Autor Leonardo Sciascia ans Herz gelegt, auch er berühmt für seine Kriminalromane, und diesem Rat wollte ich folgen. Dann widmete mein Reiseführer Camilleri vier Seiten, die Verwechslung nahm ihren Anfang. (Mein Reiseführer!! Von Dumont!! Wie konnte ich nur…)

Sizilien zementiert seinen Status als Wiege der italienischen Literatur mit gleich zwei Literaturnobelpreisträgern (von 6 aus Italien) und zwar Luigi Pirandello (1934) und Salvatore Quasimodo (1959). Dahin hätte man sich auch orientieren können, aber ich war ja über Camilleri gestolpert.

Noch in der Hoffnung, in Camilleri einen Krimi-Autor erster Güte zu finden, entschied ich mich für Commissario Montalbanos ersten Fall „Die Spur des Wassers“.

Es hätte mir eine Warnung sein sollen, als ich in der StadtTEILbibliothek in Dortmund eine halbe Regalreihe gut zerlesener Camilleris vorfand. Diese Bibliothek ist ein zuverlässiger Seismograph für Erdbeben literarischer Anspruchslosigkeit und ich ließ mich entsprechend erschüttern.

Das reale Sizilien nur ein Cliché?

„Die Form des Wassers“ ist 1994 erschienen und auch die Geschichte spielt in dieser Zeit. Dennoch fühlt man sich als Leser in die 50er Jahre zurückversetzt. Ähnliche Rollenbilder und Wertvorstellungen. Typisch Sizilien? Das wäre zumindest eine Entschuldigung.
Tatsächlich spürt man aber, dass der Autor bereits 70 Jahre alt war, als er diesen ersten Teil veröffentlicht hat und sein Commissario, der Mitte 40 sein soll, kommt ordentlich altbacken daher. Er urteilt gerne über die Schönheit von Frauen, liebt gutes Essen, das ihm seine Haushälterin zubereitet und sorgt für Gerechtigkeit im Stil: nimm von den Reichen und gib es den Armen.

Auch inhaltlich geht es cliché-behaftet zu: Es gibt Prostituierte, Ermordete mit entblößten Geschlechtsteilen; gute Leute, die Opfer von sozialen Missständen geworden sind; schwedische Sexbomben, die Autorrennen fahren; korrupte Politiker… mehr muss ich wohl nicht sagen.

Dazu passt, was Camilleri im Interview verlauten ließ: „Ich habe keinerlei Fantasie, ich brauche als Grundlage immer reale Vorgänge.“ Wo ist da jetzt der Haken? Ein Schriftsteller mit keinerlei Fantasie ist mindestens ebenso erschreckend wie ein Sizilien mit oben genanntem Casting.

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Wer das reale Sizilien sucht, der will vielleicht nach „Vigàta“ reisen, dem Ort, in dem die Montalbano-Fälle ihren Lauf nehmen, auch hier muss ich vor Enttäuschung schützen. Camilleri sagt selbst „Vigàta ist der allererfundenste Mittelpunkt des allertypischsten Siziliens.“ Wenn überhaupt kann man nach Porto Empedocle reisen, dem Geburtsort Camilleris und Vorbild für Vigàta.

Literarische Übersetzungen und ihre Tücken

Ein letztes halbgutes Wort zu diesem Roman und dann bitte überschüttet mich mit Tipps für bessere Sizilienliteratur. Es heißt, der Charme dieser Krimireihe resultiere aus seinen sprachlichen Eigenheiten. Besonders die Spielereien mit dem sizilianischen Dialekt und lexikalischen Gimmicks desselben sollen sehr reizvoll sein. Die Franzosen haben das in ihrer Übersetzung wohl sehr humorvoll umgesetzt (sagt meine Reisebegleitung)… in der deutschen Übersetzung von Schahrzad Assemi hat man das einfach ignoriert. In späteren Bänden haben die Übersetzer gewechselt, wer also unbedingt seine eigenen Fehler machen will, der nehme sich einfach mehrere Camilleris mit. Versprochen, die lesen sich weg wie „Nicht lustig“-Cartoons.

Lese-Reise-Saison: jederzeit
Unterhaltungswert: ähm
Verbleibendes Gefühl: Sehnsucht nach „Ulysses“ von Joyce

Während ich auf eure Sizilien-Lesestoff-Empfehlungen warte, muss ich erstmal ein bisschen tambasiàren – wenigstens eine Sache, die ich von Camilleri mitnehmen konnte.

Camilleri Zitat tambasiare herumtrödeln Camilleri-Form-des-Wassers-Sizilien

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About Siri

Bei Wortlog dreht sich alles um Literatur und Reisen. Literaturjunkies finden Sightseeing-Tipps und Reisejunkies finden literarische Reisebegleiter (= Bücher). Denn: Egal, wohin Du fährst, ein Schriftsteller war schon vor Dir da.

4 comments on “Andrea Camilleri – Krimis für eine Reise nach Sizilien

  1. Und Leonardo Sciascia?

    • Sciascia wartet auf mich bis zur nächsten Sizilienreise.

  2. Ich empfehle seinen ersten Mafia-Roman „Der Tag der Eule“.
    PS Auch hier in Dorking gibt es „ein zuverlässiger Seismograph für Erdbeben literarischer Anspruchslosigkeit“ 🙂

    • Ich nehme an Philip, das bist Du selbst?!

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