Bern: Hinter den Bergen, bei den wilden Bären

– Zeitreise nach Bern mit Goethe und Robert Walser –

Machen wir es kurz: Goethe zeigte sich insgesamt wenig beeindruckt von der Schweiz und wähnte sich immer nur auf der Durchreise ins goldene Italien. Aber Bern galt ihm immerhin als „die schönste [Stadt] die wir gesehen haben, in Bürgerlicher Gleichheit eins wie das andere gebaut, all aus einem graulichen weichen Sandstein, die Egalität und Reinlichkeit drinne thut einem sehr wohl.“1

Man muss Goethe zu Gute halten, dass er die Reise zu einer Zeit antrat, als die Alpen noch „Gegenstand distanzierter Bewunderung und erhebenden Staunens [waren], wenn man sie von einem angenehmen Talpunkt aus gefahrenlos betrachten konnte. Im Übrigen aber eine immer wieder Schrecken erregende, unzugängliche, gefährliche Barriere, die zu überqueren durchaus nicht als Vergnügen galt.“2

Das änderte sich erst im 19. Jahrhundert mit dem Bau der Eisenbahnstrecke und mit der Entdeckung des (Berg)-Tourismus allen voran durch die Engländer, deren High Society jahrzehntelang die Schweiz als bevorzugtes ausländisches Reiseziel ansteuerte. Eine Schweiz-Sehnsucht, die übrigens maßgeblich durch die Aquarelle des englischen Malers William Turner hervorgerufen wurde. Diese Aquarelle sind auch heute noch äußerst wirkungsvoll und lassen nicht nur Urban-Sketcher-Herzen höher schlagen.

Die schweizerischste Stadt

Um von Deutschland aus nach Bern zu kommen, muss man die Alpen aber gar nicht überwinden. Diverse Schnellzugverbindungen bringen eine der kleinsten europäischen Hauptstädte (ca. 140.000 Einwohner) in Wochenendausflugsnähe.

Und der Ausflug lohnt sich. In zwei Tagen hat man das Wesentliche gesehen: Altstadt, Aare-Schlaufe, Bärengraben, Klee-Zentrum.
Beim Spaziergang entlang der Aare, die sich wie ein türkiser Schal um die Altstadt legt, entdeckt man die schönsten Stadtansichten und erhascht bei Weitsicht die drei Berner Türsteher für die Alpen: Aiger, Mönch und Jungfrau.

Blick vom Bärengraben Richtung Altstadt von Bern, türkises Wasser der Aare

 

Ein Reiseführer von 1978 bezeichnet Bern als die „schweizerischste unter den Schweizer Großstädten“ und billigt ihr zu, durch eine „euphorisch-behagliche Stimmung das Heimischsein“ zu begünstigen.3

Und tatsächlich, die Stadt ist ein Idyll, scheinbar unberührt vom Zahn der Zeit, ermöglicht sie dem Besucher eine Zeitreise. Es bedarf nicht viel Phantasie, um beim Schlendern durch die historische Altstadt, seit 1983 UNESCO-Weltkulturerbe, die Stadt mit den Augen Goethes oder auch Robert Walsers zu sehen.

8 Jahre, 15 Adressen, Robert Walser in Bern

Unter den berühmten Laubengängen, angeblich die längste gedeckte Shoppingmeile Europas, come on Bern, lassen sich nicht nur zahllose schweizerische Produkte und allerlei eidgenössisches Merchandise erstehen, nein, auch ein wOrtloger kommt auf seine Kosten, wenn er in der Gerechtigkeitsgasse 29, in 350 Meter entfernter Nachbarschaft zu Einstein (lebte 1903-1905 in der Kramgasse Nr. 49) eine Gedenktafel entdeckt, die an Robert Walser erinnert.

Die Plakette verweist darauf, dass der „neuntgrößte eidgenössische Dichter“ hier im Sommer 1925 in einer Mansarde wohnte. Neuntgrößte? Wirklich? Diese Einschätzung stammt zwar von Robert Walser selbst, der es in einem Brief an eine Freundin erwähnte, aber es so unkommentiert auf eine Tafel zu schreiben… vielleicht ein Indiz schweizerischen Humors?!

Gedenktafel für den neuntgrößten eidgenössischen Dichter Robert Walser in der Berner Altstadt.

Wer war noch dieser Robert Walser (1878-1956)? Nicht zu verwechseln mit dem deutlich omnipräsenteren Martin Walser!

Um die Relevanz vergessener Autoren deutlich zu machen, werden oft ihre berühmteren Kollegen herangezogen. Robert Musil und Hermann Hesse seien Fans gewesen, ebenso wie Kafka, mit dem Walser sogar direkt verglichen wurde. (Das soll als Warnung genügen.) Wir haben es also mit Schweizer „Avantgarde“ zu tun, „mit einem der wichtigen Autoren der Moderne“, dessen Werk als quasi unleserlich eingestuft wurde, hierin sind sich Publikum und Kritik weitgehend einig.

Wer etwas von Robert Walser lesen will, dem sei „Die Rose“ empfohlen. Zwar kein expliziter Text über Bern, aber doch in den Jahren zwischen 1921-1929 in Bern entstanden. Wer sich an Sprachspielen um ihrer selbst willen erfreuen kann, voilà, der könnte hier sein Plaisir finden.

„Die Gassen sind prächtig, nun, es läßt sich hier in Bern ganz nett leben.“ Robert Walser

Robert Walser kam „mausearm“ nach Bern und nahm zunächst eine Stelle als „Aushülfsangestellter“ am Staatsarchiv an. Als er die Stelle nach wenigen Monaten verlor, widmete er sich wieder seinem „Prosastückligeschäft“ und lebte insgesamt 8 Jahre als „möblierter Herr“ in der Stadt. Er ist in dieser Zeit 14 Mal von einem Untermietzimmer ins andere umgezogen. Für ihn eine gültige Alternative zum Verreisen:

„Diverse meiner Mitmenschen unternehmen weite Reisen, per Eisenbahn und zu Schiff, und können hierbei natürlich stattliche Bekanntschaften machen und zu allerlei nützlichen Weltanschauungen kommen. Ich begnüge mich, innerhalb der Grenzen unserer Stadt zu nomadisieren, eine Wanderart, die mir überaus bekömmlich zu sein scheint, denn ich sehe, wie ich sagen kann, verhältnismäßig gesund aus, d.h. es scheint mir, dass ich blühe. Demnach gedeihe ich also sozusagen getreidehaft.“

Walser schreibt in einem Brief an einen Prager Zeitungsredakteur: «In Bern kommt man nie in Verlegenheit wegen neuen Eindrücken, es ist eine Stadt voller qualitätreicher Vitalitäten.» Eindrücke, die Walser auf der einen Seite zu seiner intensivsten Schaffensphase verholfen haben, die auf der anderen Seite aber auch dazu beigetragen haben mögen, dass er Bern 1929 mit einer psychischen Krise in Richtung Heil- und Pflegeanstalt Waldau und Herisau verlässt. In Herisau gibt er 1933 das Schreiben endgültig auf.

Das Robert Walser Zentrum in Bern, seit September 2009 in der Marktgasse 45 angesiedelt, beheimatet das Archiv des Autors und ständig wechselnde Ausstellungen zu Leben und Werk Walsers lohnen einen Besuch. Was gerade los ist: www.robertwalser.ch

Robert Walser liebte lange Wanderungen und erkundete zu Fuß die Berner Umgebung zum Teil auch auf tagelangen Gewaltmärschen, Impressionen davon lassen sich in „Die Rose“ finden. Deswegen lassen wir ihm das Schlusswort als Spaziergänger:

„Mittags und abends bin ich jeweilen glücklich. Da geh‘ ich irgend einen Weg, womöglich jedes Mal einen neuen, und suche mich zu zerstreuen.“

Und zum Verweilen: Nette Orte in Bern

Feinfracht – Geschäft für Alltagsschönigkeiten

Zwei Palomino Bleistifte aus dem Feinfracht in Bern.

Inmitten der Altstadt, in der Kramgasse 21, unter den berühmten Berner Laubengängen findet man das Feinfracht. Design-Freunde (klare Linien, kein Chichi) und Minimalisten finden hier einige der wenigen Dinge, die so schön sind, dass man sie trotz aller Reduziertheit im Leben doch braucht.

Die Produkte reichen von Schreibwaren über Küchenartikel zu Kosmetik, Schmuck und Bekleidung. Die beiden Geschäftsführer alias Produktdesigner verkaufen dort außerdem ihre eigenen Kreationen, die vor Ort hergestellt werden.

Als Papeterie-Addict erlaubte ich mir zwei fantastische Palomino-Bleistifte, wobei ich die Aufschrift des grauen gerne für alle Sinnspruchliebhaber zur Kontemplation freigeben möchte: „Half the pressure, twice the speed.“
Onlineshop Feinfracht: www.feinfracht.com

Blick aus dem "Einstein au Jardin" auf die Berner Altstadt und die Aare.
Blick aus dem „Einstein au Jardin“ auf die Berner Altstadt und die Aare.

Einstein au jardin – Café

Vielleicht hat man gerade das Einstein-Haus in der Kramgasse 49 besucht oder man fragt sich, was man selber zu Papier bringen könnte, in einer Stadt, die Einsteins Relativitätstheorie ‚hervorgebracht‘ hat. Vielleicht sucht man auch nur nach einem coffee with a view – Im Einstein au jardin, in einem Ecktürmchen an der Aussichtsplattform des Berner Münsters gelegen, kann man den Blick schweifen lassen und in elitärem Kreis (es gibt nur wenig Plätze) ein belebendes Getränk zu sich nehmen. Der Blick auf die Aare, Altstadtdächer und Bergpanorama tut sein übriges zur Glückseligkeit der Besucher.
Für den ersten Eindruck: www.einstein-jardin.ch

Karl 1383 – café, bar, traiteur

Unweit des Feinfracht, in der Kramgasse 12, befindet sich ein weiterer Hotspot für den Reisenden mit Hipstergenen. Hier wird man auf alles Erwartbare treffen, was die großstädtische Junggastronomie so auszeichnet. Gerade deswegen oder dennoch kann man sich das Karl 1383 gefallen lassen. Einfach in einen Ledersessel sinken und das Lichtkonzept den schönen Menschen um einen herum schmeicheln lassen. Dazu probiert man Spezereien aus Allerwelt, das hauseigen gebraute Bier oder einen Becher Schweizer Schokolade.
PS: Bitte den nassen Regenschirm nicht auf die Lederbank legen (natürlich nicht!) und bitte in einer halben Stunde den Tisch wieder freimachen, es hat gerade jemand angerufen, der ihn reservieren wollte. Sorry.
Take a look: www.karl1383.ch

1. 1779 Goethe in einem Brief an Charlotte von Stein

2. Gerhard Eckert „Die Schweiz“, DuMont Kunst-Reiseführer, Köln 1978

3. Siehe Fußnote 2

Ich bin neugierig auf eure literarischen Hotspots in Bern, erzählt mir davon in den Kommentaren!

Hier geht es zu meiner Reiselektüre-Empfehlung für Bern. Christian Kracht „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“.

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